1. Thessalonicher: Motivieren durch Lob

Kenntnisse der Rhetorik in der Antike ist enorm hilfreich, um mehrere Briefe des Neuen Testaments besser zu verstehen. Dieses Mal nehme ich mir den 1. Thessalonicher vor. Ben Witheringtons sozial-rhetorischer Kommentar zu diesem Brief lag schon viel zu lange ungelesen in meiner Logos-Bibliothek; ich bin jetzt endlich dazu gekommen, ihn zu lesen.

Diesen Brief gibt es in Englisch auch als VIDEO PODCAST

Um ehrlich zu sein, war ich mir nicht sicher, ob es viel bringen würde – aller Wahrscheinlichkeit nach ein klares Indiz dafür, dass ich sowohl den 1. Thessalonicher als auch die Erklärungskraft der Rhetorik der Antike für das NT unterschätzte. Ohne sie können wir allerdings das, was wir lesen, leicht missverstehen. Witherington sagt es so:

Wenn wir die Art der Rhetorik, die Paulus verwendet, und so entscheidende Elemente wie die These oder die abschließende Zusammenfassung der Rede, nicht erkennen, führt das zu allen möglichen Fehlinterpretationen dieser Texte. Kurz gesagt, die rhetorische Kritik an den Paulusbriefen ist für ihr Verständnis unerlässlich, nicht optional. Paulus hat seine Reden nach den rhetorischen Konventionen seiner Zeit strukturiert … (Witherington 2006: xiv)

Das bedeutet u.a…

Kurzer Überblick über die Rhetorik der Antike

… Paulus hatte im Wesentlichen drei Formen oder Strategien zur Auswahl (siehe Briefe, die keine sind, CALS 12, für mehr):

  • Gerichtsrede. Die Gerichtsrede konzentrierte sich auf die Vergangenheit. Ihr Ziel war es, zu einem Urteil zu kommen. Sie wird deshalb hauptsächlich im Gerichtssaal verwendet. Paulus verwendet diese Strategie in 2. Korinther.
  • Abwägende oder beratende Rede. Diese Form der Rhetorik konzentrierte sich auf die Zukunft. Ihr Zweck war es, für eine bestimmte Entscheidung oder Vorgehensweise zu werben. Dies entspricht der Form des Römerbriefs und des 1. Korintherbriefes.
  • Lobrede. Die Lobrede versuchte, bereits bestehende Überzeugungen durch Lob (oder Tadel) zu bestätigen und zu stärken. Diese Strategie wird oft in Reden verwendet, die darauf abzielen, gemeinsame Werte zu stärken, wie z. B. gute Werke oder moralisches Verhalten. Beispiele im NT sind Epheser und Hebräer – und 1. Thessalonicher.

1. Thessalonicher als Lobrede

Jetzt wird klar, dass Paulus im 1. Thessalonicher die Lobrede verwendet, um die Gemeinde in Thessaloniki zu loben und zu ermutigen. Wie Witherington es ausdrückt:

Dieser Brief [1. Thessalonicher] enthält keinen Beweis für „Gegner“ im traditionellen paulinischen Sinne, noch für eine gespaltene Gemeinde oder für irgendeinen Versuch, die Zuhörer zu einer Änderung im Verhalten oder Ausrichtung zu bewegen (was eine abwägende Rede erfordert hätte). Dieser Brief konzentriert sich auf Fortschritt und Ermutigung, nicht Problemlösung, im Gegensatz zu 1. Korinther oder 2. Thessalonicher. (Ebd.: 21f)

Da Paulus diese Art von Rhetorik verwendet, muss es im 1. Thessalonicherbrief darum gehen, sich zu erinnern, zu verstehen, zu feiern, zu loben und zu bekräftigen. Sein Ton ist warm und emotional, und er verwendet eine überschwängliche Sprache. Wie in: „Denn wer ist unsre Hoffnung oder Freude oder unser Ruhmeskranz – seid nicht auch ihr es vor unserm Herrn Jesus, wenn er kommt?“ (1. Thess. 2,19f).

Die Lobrede verwendet oft die Übertreibung (ist der Bericht über ihren Glauben wirklich „an allen Orten“ angekommen, wie es in 1. Thessalonicher 1,8 heißt?).

Es gibt Ermahnung und Aufforderung, aber oft implizit und indirekt. Anstatt die Thessalonicher zu tadeln oder sie ausdrücklich aufzufordern, ihr Verhalten zu ändern, nutzt Paulus Lob und positives Feedback, um das Gute, das sie bereits tun, zu bestärken und sie dazu zu ermutigen, in ihrer Standhaftigkeit und Hoffnung weiterzumachen. Kurzgefasst: Was ihr macht, ist super (indirekt: Nur weiter so!).

Wenn die Aufforderung explizit wird, beginnend in 1. Thessalonicher 4,1, kommt sie mit der Anerkennung „was ihr ja auch tut“ (wiederholt in 1. Thess. 4,10) oder „wie ihr auch tut“ (1. Thess. 5,11). Auch hier wird nicht für einen Richtungswechsel geworben.

Eine rhetorische Gliederung des 1. Thessalonichers

Eine vereinfachte rhetorische Gliederung des 1. Thessalonicherbriefes würde wie folgt aussehen (siehe Witherington 2006: 28 für eine detailliertere Übersicht):

1. Thessalonicher 1,1            Briefkopf

1. Thessalonicher 1,2f           Exordium (Intro Redner & Themen)

1. Thessalonicher 1,4-3,13    Narratio (die Fakten; der bisherige Ablauf)

1. Thessalonicher 4,1-5,15    Exhortatio

1. Thessalonicher 5:16-22     Peroratio (abschließender Appell)

1. Thessalonicher 5,23f         Schlussgebet

1. Thessalonicher 5,25-28     Briefschluss

Diese Gliederung dokumentiert die klassische rhetorische Struktur, die Paulus anwendet. Sie beginnt mit einer Einleitung (exordium) im warmen Ton. Darauf folgen eine Schilderung der Tatsachen und Ereignisse (narratio), Ermahnungen (exhortatio) und ein Schlussappell (peroratio). Jeder Abschnitt dient dazu, das Verständnis und das Engagement des Lesers für die Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu vertiefen.

Ein paar Anmerkungen. Wie bei Paulus üblich, gibt das exordium oder die Einleitung einige der Themen oder Schwerpunkte an, die im Brief aufgegriffen werden sollen. Diese Vorschau, ein kurzes Gebet, passt inhaltlich zu der Art von Rhetorik, die er verwendet. Paulus erinnert sich an den Glauben, die Liebe und die Hoffnung der Thessalonicher (1. Thess. 1,3; vgl. 1. Kor. 13,13, Teil einer Lobrede auf die Liebe); konkret:

  • Euer Werk im Glauben
  • Eure Arbeit in der Liebe
  • Eure Geduld in der Hoffnung

Diese Tugenden und die Art und Weise, wie sie sich manifestieren, werden im Brief immer wieder erwähnt. Sie sind das, was sie auch weiterhin tun sollen. Wie Paulus in der narratio, die sich mit der Entwicklung ihrer Beziehung befasst, deutlich macht, haben er und sein Team genau die gleichen Tugenden und Verhaltensweisen vorgelebt (1. Thess. 1,4ff).

Die narratio endet mit einem zweiten Gebet (1. Thess. 3,11-13). Dieses Muster finden wir auch im Epheserbrief, wo die narratio ebenfalls mit einem Gebet endet (Eph. 3,14-21) und in exhortatio übergeht (Eph. 4ff).

Ähnlich wie das exordium bietet das zweite Gebet eine Vorschau auf das, was kommen wird. Es erwähnt die Liebe, eine der drei Tugenden in 1. Thessalonicher 1,3 und ein zentrales Anliegen in 1. Thessalonicher 4. Es spricht von Vollkommenheit und Heiligkeit, die im ganzen zweiten Abschnitt wichtig sind (aber besonders in 1. Thess. 4). Und es bezieht sich auf das Kommen des Herrn, unsere Hoffnung und das Thema in 1. Thessalonicher 4,13-5,11.

Die exhortatio hält den warmen und ermutigenden Ton von Kapitel 1-3 aufrecht. Was im Kapitel 4 und 5 folgt, ist keine Zurechtweisung (ganz anders als das, was wir z.B. in 1. und 2. Korinther finden). Die behandelten Themen sind:

  • Die Heiligung (besonders in sexuellen Angelegenheiten, was sich mit dem nächsten Punkt überschneidet; 1. Thess. 4,1-8)
  • Die Liebe (1. Thess. 4,9-12)
  • Die Verstorbenen (1. Thess. 4,13-18)
  • Der Tag des Herrn (1. Thess. 5,1-11; die letzten beide Themen sind Fragen der Eschatologie und betreffen daher die Hoffnung)
  • Gemeindearbeiter, ihr Dienst und das Gemeindeleben (1. Thess. 5,12-15)

Die peroratio, der letzte Appell voller Pathos und Gefühl, ist kurz, aber auf den Punkt gebracht. Sie benennt, was sie tun müssen, um ihre „Geduld in der Hoffnung“ (1. Thess. 1,3) zu bewahren: sich in Freude, Gebet und Danksagung an Gott wenden und das hören und annehmen, was er ihnen sagt, wenn auch nicht unkritisch, sondern prüfend (1. Thess. 5,16-22).

Lasst uns Thessalonicher sein!

Die klassische Rhetorik ist also in der Tat hilfreich, um die Botschaft dieses Buches zu erfassen – damit der Brief auch uns in unserem „Werk im Glauben“, in unserer „Arbeit in der Liebe“ und in unserer „Geduld in der Hoffnung“ (1. Thess. 1,3) stärkt. Seien wir, wie die Thessalonicher!

Darüber hinaus dient uns die Rhetorik des Paulus als Vorbild, wie wir durch Lob und durch positives Feedback einander ermutigen und ermahnen können.

Bildnachweis

Faith love hope <https://pixabay.com/illustrations/faith-love-hope-path-straight-441401/> CC0

Ibid. <https://pixabay.com/illustrations/cross-heart-anchor-love-hope-793073/> CC0

Five stars < https://pixabay.com/illustrations/five-stars-stars-feedback-review-7292866/> CC0

Well done <https://pixabay.com/illustrations/praise-feedback-well-done-emotion-5257999/> CC0

Literaturangaben

Bibelzitate: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. 1999. Revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft)

Witherington, Ben. 2006. 1 and 2 Thessalonians: A Socio-Rhetorical Commentary (Chicago: Wm. B. Eerdmans) (bezahlter Link)

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